Presseartikel der FR zum Neujahrsempfang am 5.2.2012
Politisch waren sie schon immer (FR vom 4.2.2012)
Niederrad Die Frankfurter Naturfreunde feiern am Sonntag 100-jähriges
Bestehen
Von Julia Frese
Ein blonder Junge steckt den Kopf zur Tür herein. "Dürfen wir uns die Matten holen?", fragt er atemlos,
seine Wangen glühen. "Wartet noch ein bisschen", antwortet Johannes Hahn, der Vorsitzende der
Naturfreundejugend. Doch der Junge ist kaum zu bremsen. "Ich geb' dir zwanzig Minuten!", ruft er und
rennt wieder nach draußen. Dass dort Minusgrade herrschen, scheint ihn nicht im geringsten zu stören.
Beim Klettern auf Bäumen und Spielgeräten wird ihm schnell warm.
Jugendarbeit ist ein großer Teil dessen, womit die Naturfreunde Frankfurt sich seit mittlerweile 100 Jahren
beschäftigen, aber längst nicht alles. Rund ein Drittel der 800 Frankfurter Mitglieder sind Kinder und
Jugendliche bis 27, ein Drittel Erwachsene, ein Drittel Rentner ab 65. Am Sonntag begehen die Mitglieder
aller Altersgruppen das Jubiläum feierlich mit dem Neujahrsempfang im Naturfreundehaus Niederrad.
Das Motto der Feier lautet: "Vielfalt und Solidarität. Wir leben eine Idee."
Das klingt nicht nur im ersten Moment politisch. "Die Naturfreunde haben sich einst aus den
Gewerkschaften entwickelt", erzählt Jürgen Lamprecht, der Landesvorsitzende des Verbandes. "Das
Wochenende bestand für die arbeitende Bevölkerung damals nur aus dem Sonntag, und da wollten sie raus
aus dem Industriedampf der Städte." Die linke politische Ausrichtung ist über all die Jahre gleich
geblieben, schon im Dritten Reich waren die Naturfreunde einer der ersten Verbände, den die
Nationalsozialisten verboten. Nach dem zweiten Weltkrieg engagierten sich die Mitglieder in der
Friedens- und Anti-AKW-Bewegung. Heute ist vor allem der Flughafenausbau ein großes Thema der
Frankfurter Naturfreunde.
Das Naturfreundehaus in Niederrad wurde 1958 erbaut - von den Verbandsmitgliedern selbst. "Damals
haben die Leute Steine vom alten Schlachthof als Baumaterial verwendet", sagt Inge Gesiarz von den
Frankfurter Naturfreunden. Die Mitglieder waren immer Idealisten, für Gesiarz sind sie "die eigentlichen
Grünen".
Das Angebot der Frankfurter Naturfreunde reicht von Ferienfreizeiten über Kultur-Matinees bis hin zum
"politischen Frühschoppen". Hier sind regelmäßig Referenten zu Gast, die die Mitglieder zu politischen
Diskussionen anregen. Für den nächsten Frühschoppen etwa am 26. Februar ist ein Besuch von Jürgen
Richter, dem Vorsitzenden der Frankfurter Arbeiterwohlfahrt, geplant.
Johannes Hahn betreut jeweils montags die Kinder- und freitags die Jugendgruppe der Naturfreunde.
Daneben studiert er Biologie. "Die Leute sagen immer gleich ,Das passt ja', wenn sie hören, was ich
studiere", sagt Hahn. "Dabei hat das, was ich hier mache, eigentlich nicht so viel mit dem zu tun, was ich
in der Uni mache." Mit den Kindern kocht er etwa Brennnesselklöße, besucht den Molchteich oder
sammelt Bärlauch am Königsbrunnen. Und manchmal tobt er auch einfach mit ihnen über das
Außengelände das Naturfreundehauses in Niederrad.